Hogir Alay.
Er floh vor politischer Verfolgung aus seiner Heimatstadt Kızıltepe, um in Deutschland Sicherheit zu finden. Stattdessen fand der 24-jährige Kurde Hogir Alay hier den Tod. Seine Geschichte ist ein tragisches Zeugnis für die strukturellen Missstände im Asylsystem.
Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit
Anfang 2023 kommt Hogir aus politischen Gründen nach Deutschland und stellt einen Asylantrag. Zugewiesen wird ihm die „Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende“ (AfA) im rheinland-pfälzischen Kusel. Es ist eine Massenunterkunft auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne, in der über 800 Geflüchtete leben. Was als Zufluchtsort gedacht war, wird für Hogir schnell zu einem Ort der systematischen Demütigung.
Schikanen und mutiger Widerstand
Die Zustände in Kusel sind für ihn schwer erträglich. Immer wieder wird er gezwungen, das Zimmer zu wechseln. Hinzu kommen Schikanen durch Mitarbeitende des Sicherheitsdienstes, die ihn auch körperlich angegriffen haben sollen. Doch Hogir schweigt nicht. Er versucht mehrfach, sich bei der Heimleitung zu beschweren – ein Vorhaben, das von Übersetzer:innen vor Ort blockiert wird, um den „Ruf der Einrichtung“ nicht zu schädigen.
Im April 2023 wendet sich Hogir in seiner Verzweiflung direkt an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und berichtet von psychischer Gewalt. Die Antwort ist ernüchternd: Eine Standardmail verweist auf die Zuständigkeit der Bundesländer. Statt Hilfe zu erhalten, drohen ihm Mitarbeiter:innen der Unterkunft nun mit Sanktionen, die sich negativ auf sein Asylverfahren auswirken könnten.
Das Verschwinden
Am Abend des 10. Oktober 2023 telefoniert Hogir zum letzten Mal mit seinem Vater. Einen Tag später wird er noch in einem Supermarkt in Kusel gesehen – danach bricht der tägliche Kontakt zur Familie ab. Sein in Österreich lebender Bruder bittet die Polizei in Kusel und Kaiserslautern verzweifelt um Hilfe, doch die Beamten weigern sich zu suchen, da „keine Vermisstenanzeige vorliege“. Obwohl Asylsuchende nach drei Tagen Abwesenheit als „abgängig“ gemeldet werden müssen, geschieht im Fall Hogir nichts.
Traurige Gewissheit und offene Fragen
Mehr als drei Wochen bleibt Hogir verschwunden. Am Morgen des 4. November wird er erhängt in einem Waldstück direkt auf dem Gelände der AfA aufgefunden. Sein Leichnam ist so stark verwest, dass er nur noch anhand eines Tattoos identifiziert werden kann. Dass ein Körper an diesem Ort so lange unbemerkt geblieben sein soll, halten Personen vor Ort für nahezu ausgeschlossen.
Während die Polizei schnell von einem Suizid ausgeht, sind für die Familie zu viele Fragen offen. Wurde Hogirs Leichnam nachträglich dort platziert? Spielt die rassistische Stimmung in der Region eine Rolle? Die Familie hat Anwält:innen eingeschaltet, um echte Ermittlungen zu erzwingen.
Kein Einzelfall
Der Tod von Hogir Alay steht exemplarisch für strukturelles Versagen. In deutschen Lagern kommt es immer wieder zu ungeklärten Todesfällen – wie auch im Juli 2022 bei einem 34-jährigen Geflüchteten aus dem Irak in Gießen.